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Warum wurde der große österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter zum "Namenspatron" des Schulversuchs?

In den kommenden kurzen Ausführungen wird kurz die Biographie von Joseph Schumpeter vorgestellt. Diese macht deutlich, warum Schumpeter als "Namenspatron" für den Schulver-such gewählt wurde.


Schumpeters Werdegang

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Joseph Schumpeter
1883 - 1950

Joseph Schumpeter wurde 1883 in Trest in Mähren, also im heutigen Tschechien und der damaligen österreich-ungarischen Monarchie als Sohn eines Tuchfabrikanten geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters heiratete seine Mutter einen pensionierten k.u.k. Offizier, der seinen Stiefsohn förderte und u.a. den Ortswechsel nach Wien veranlasste. Dort besuchte Joseph Schumpeter das Gymnasium "Theresianum" und studierte anschließend an der Wiener Universität Jura und Volkswirtschaftslehre. Zur Verbreiterung seines Allgemeinwissens besuchte Schumpeter auch Lehrveranstaltungen in Statistik, Mathematik, Geschichte und Soziologie.

Nach seinem Doktorexamen im Jahre 1906, also mit 23 Jahren, studierte Schumpeter einige Zeit in England, wo er berühmte Ökonomen, wie Marshall, kennenlernte. Bereits mit 27 Jahren wurde er ordentlicher Professor an der Universität Graz, wo er auch sein erstes Hauptwerk, nämlich die "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" veröffentlichte.

Schumpeter war ein brillanter Wissenschaftler, der international gefragt war. Zwischen 1925 bis 1932 war er an der Universität Bonn tätig, in dieser Zeit nahm er Gastprofessuren an der Harvard University und in Japan wahr, um schließlich 1932 endgültig an die Harvard University zu wechseln. Während seiner Jahre in den USA (1932 bis 1950), die man auch als zweite Schaffensperiode bezeichnet, publizierte Schumpeter nicht nur weitere bahnbrechende Werke ("Capitalism, Socialism and Democracy", "Business Cycles") sondern kam ebenso außeruniversitären Verpflichtungen nach - zB war er in den Jahren 1937 bis 1941 Präsident der Econometric Society.

So brillant und überzeugend Schumpeter als Wissenschaftler war und ist, weil gerade angesichts der Ostöffnung in den 90-er Jahren Schumpeter international eine unglaublich neue Popularität erlangte, so enttäuschend und widersprüchlich waren seine Leistungen als Wirtschaftspraktiker bzw. als Politiker. Beispielsweise befürwortete er 1919 als Mitglied einer deutschen Sozialisierungskommission die Verstaatlichung der Kohlengruben, während er als Theoretiker ein vehementer Kritiker von Verstaatlichungskonzepten war. Der Wiener Philosoph Karl Kraus verspottete daher in seiner Zeitschrift "Die Fackel" Schumpeter als "Austauschprofessor seiner Überzeugungen". Ebenso wurde Schumpeters Ausflug in die Wirtschaftspraxis ein Desaster, weil er die Wiener Biedermann-Bank als deren Präsident in die Pleite führte und 1924 mit Schimpf und Schande entlassen wurde.

Diese Ausführungen verdeutlichen, dass Schumpeter, wie alle großen Wissenschaftler und Philosophen, eine schillernde Persönlichkeit war. Didaktisch gewendet bedeutet dies, Schülern kein undifferenziertes Bild des Namenspatrons zu vermitteln, sondern im Sinne einer kritischen Erziehung zur Mündigkeit die großartigen theoretischen Leistungen Schumpeters zu vermitteln, ohne seine Schattenseiten zu ignorieren. Beispielsweise war der Ökonom Schumpeter ein schwieriger Mensch, sein Ausspruch, er habe als junger Mann immer der größte Ökonom der Welt, der beste Reiter Österreichs und der beste Liebhaber Wiens sein wollen, wobei es nur mit der Reiterei nicht so recht geklappt hätte, gibt einen Einblick in seine Persönlichkeitsstruktur, die sich u.a. nicht durch einen Mangel an Selbstwertgefühl auszeichnete. Schlüsselqualifikationen, wie soziale Kompetenz, Empathiefähigkeit etc. zählten sicherlich nicht zu den Stärken Schumpeters. Ebenso war er nicht vor Vorurteilen gefeit, zB gegenüber Juden oder dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt.

In seiner ersten Schaffensperiode in Österreich und Deutschland (1906 bis 1932) beschäftigte sich Schumpeter mit der bis heute zentralen Fragestellungen, wie die Dynamik von Marktwirtschaften, sowie wie Konjunkturzyklen zu erklären sind. Da er breit gebildet war, analysierte er diese Fragestellung aus vielen Perspektiven und kam zu dem Schluss, dass die Basis, gewissermaßen der "Sprit" für den Motor des marktwirtschaftlichen Systems, die Pionierunternehmer sind, also Menschen, die Veränderung und Innovation als Chance begreifen und daher aktiv an Veränderungen mitwirken. Nach Schumpeters Erkenntnis basiert die Wirtschaftsentwicklung wesentlich auf dem Fundament, ob in einer Volkswirtschaft genügend initiative und kreative Unternehmer bzw. unternehmerisch denkende Mitarbeiter vorhanden sind, um die Dynamik des wirtschaftlichen Systems zu gewährleisten. Dabei genügt es laut Schumpeter nicht nur kreativ zu sein, vielmehr ist die Kombination von "Entwicklung und Durchsetzung" von entscheidender Bedeutung, also die Fähigkeit zB neue Produkte zu entwickeln und diese am Markt erfolgreich zu verkaufen.

Aus pädagogischer Sicht geht es also darum, Kreativität und Neugierde zu fördern, ebenso "den langen Atem", also die Fähigkeit, Pläne trotz Hindernisse umzusetzen. Erst diese Kombination führt zu jenem Pionierunternehmer, den Schumpeter in das Zentrum seiner Theorie zur Erklärung der wirtschaftlichen Dynamik stellt.

Für Schumpeter sind daher kapitalistische Märkte stets im Ungleichgewicht, Konjunkturzyklen sind demnach elementarer Bestandteil marktwirtschaftlicher Systeme. Für Schumpeter hängt die Dynamik von marktwirtschaftlichen Systemen und damit unser Wohlstand von den handelnden Personen ab, also davon, ob es genug Menschen gibt, die Dynamik und Innovationen befürworten.

Dieser Ansatz erklärt auch die Renaissance Schumpeters in den 90-er Jahren, weil sich angesichts des Zusammenbruchs des Ostblocks zeigt, dass eine Transformation von kommunistischen Systemen in marktwirtschaftliche nicht nur durch Kapitaltransfer zu bewältigen ist. Vielmehr erfordert ein erfolgreicher Transfer die Entwicklung von Werthaltungen wie Vertragsethik, Freude an der Übernahme von Verantwortung etc. sowie von Managementwissen in den Köpfen der Menschen, und stellt demnach einen langfristigen Bildungsprozess dar. Die Notwendigkeit zur Förderung dieser "Entrepreneurship-Tugenden" beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Transformationsstaaten, sondern ist für die gesamte Europäische Union von zentraler Bedeutung, weil nur so langfristig der Standortvorteil Europas im internationalen Wettbewerb und damit die sozialen Netze gesichert werden können.

Didaktisch gewendet geht es um die Fragestellung, wie Leistungsorientierung und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung bei Schülern gefördert werden können, ohne dadurch eine "Ellenbogenmentalität" zu unterstützen. Die pädagogische Herausforderung besteht darin, Leistungsorientierung mit der Entwicklung von sozialer Sensibilität im Sinne einer Förderung von Solidarität zu verknüpfen, weil nur diese Kombination die "mentale Voraussetzung" für eine Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft darstellt.

Die beiden zentralen Zielsetzungen des Schulversuchs, nämlich Entrepreneurship-Education und Begabungsförderung stellen bildungspolitische Schwerpunkte dar, die zwar von Schumpeter nicht ausdrücklich gefordert wurden, sich jedoch implizit aus seinen Publikationen ergeben.

Das Konzept der Entrepreneurship-Education, das im vorliegenden Schulversuch verwirklicht wird (vgl. Infopoint Eltern/Schüler/PädagogInnen), stellt eine bildungspolitische Antwort auf zentrale Zielvorstellungen von Schumpeter dar. Es handelt sich dabei um ein reflektiertes und umfassendes didaktisches Konzept, wobei die Qualität der Umsetzung durch eine umfassende wissenschaftliche Beratung und Betreuung gewährleistet wird. In Anlehnung an den Namenspatron Schumpeter, der selbst breit gebildet war, wird auf eine fundierte Verknüpfung von Allgemein- und Berufsbildung großer Wert gelegt, die sich u.a. darin dokumentiert, dass bereits im ersten Jahrgang das Fach Mathematik unterrichtet wird.

Ohne Zweifel war Schumpeter ein äußerst begabter Schüler (er absolvierte die Matura am Elitegymnasium Theresianum mit Auszeichnung), trotzdem dokumentiert sein Lebenslauf, dass er in anderen Bereichen (soziale und emotionale Kompetenz) Defizite hatte. Für das Konzept der Begabungsförderung im Schulversuch bedeutet diese Einsicht, dass Fordern und Fördern verknüpft werden müssen, um dadurch eine optimale Entwicklung der individuellen Begabungen der Schüler zu ermöglichen. Eine Strategie des Forderns und Förderns basiert auf der Annahme, dass kein Schüler in der Regel in allen Bereichen (kognitiv, sozial, emotional) gleichermaßen begabt ist. Vielmehr geht es darum, Schüler gezielt zu fordern und zu fördern, um eine optimale Entfaltung der vielfältigen persönlichen Ressourcen zu ermöglichen.

Im Schulversuch wird von einem dynamischen Begabungskonzept ausgegangen, wonach Begabung nicht nur die Voraussetzung sondern auch das Ergebnis schulischer Ausbildung darstellt. Ziel des Schulversuch ist, die Absolventen optimal für ein späteres Studium sowie für eine berufliche Tätigkeit nach der Matura (als selbstständig agierende Mitarbeiter mit Lust auf spätere Selbstständigkeit) vorzubereiten - durch eine gezielte Persönlichkeitsförderung, weil eine erfolgreiche Lebensbewältigung weit über ein erfolgreiches Studium und/oder einen beruflichen Erfolg hinausgeht.



Ausgewählte vertiefende Literatur:
  • Schumpeter, J.A. (1987) Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Berlin: Drucker & Humblot.


  • Swedberg, R. (1991) Joseph A. Schumpeter - His Life and Work. Cambridge: Policy Press.


  • Leube, K.R. (1996) The Essence of J.A.. Schumpeter. Die wesentlichen Texte. Internationales Institut "Österreichische Schule der Nationalökonomie". Wien: Manz Verlag


  • Piper, N. (1996) Die grossen Ökonomen. (2. Aufl.). Stuttgart: Schäffer-Poeschl
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